Unterstützungsangebot Sport und Bewegung

Interview zum Thema Sport und Bewegung als Unterstützungsangebot für krebskranke Kinder und Jugendliche während und nach einer Krebstherapie (Februar 2016)

Autor: Ingrid Grüneberg, erstellt am: 18.01.2017, Redaktion: Ingrid Grüneberg, Zuletzt geändert: 29.06.2020

Sport in der Klinik und bei der Nachsorge

Bewegung und Sport sind als Unterstützungsangebote für pädiatrisch onkologische Patienten wichtig. Einige Krankenhäuser in Deutschland bieten sportliche Aktivitäten für Kinder und Jugendliche an. Dabei geht es nicht nur um Angebote im Sportbereich während des Krankenhausaufenthalts, sondern auch für danach, in der Nachsorge und bei der Rückkehr in den Alltag.

Die Redakteurin Ingrid Grüneberg war am 16.02.2016 in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), um dort mit dem Sportwissenschaftler Torge Wittke zu sprechen. Anlass des Gesprächs war die Einweihung eines neuen Sportraums mit speziellen Geräten für die pädiatrisch-onkologischen Patienten. Der Verein für Krebskranke Kinder Hannover e.V. ermöglichte die Einrichtung des Sportraums, die Anschaffung der Sportgeräte und die Besetzung der Stelle des betreuenden Sportwissenschaftlers.

Interview Redaktion und Torge Wittke (Sportwissenschaftler)

Redaktion: Herr Wittke, wir sind im Moment in dem neuen Sportraum. Wie darf man sich die Vorbereitung und den Ablauf einer "Sportstunde" vorstellen?
Wittke: Ich bin sowohl hier im Sportraum als auch auf der pädiatrisch-onkologischen Station oder der KMT-Station tätig. Dort befinden sich ja die Patienten, die ich fragen kann, ob sie mit mir in den Sportraum gehen möchten. Übrigens wird niemand zu etwas überredet, was er nicht möchte. Ich verstehe meine Sport- und Bewegungsangebote als absolut freiwillige Betätigungen. Die Kinder und Jugendlichen signalisieren mir schnell, wie es ihnen geht und ob und in welchen Rahmen sie sich bewegen möchten.

Redaktion: Beginnen Sie dann mit Übungen am Krankenbett?
Wittke: Das kommt auf die Tagesform des Patienten an. Manchmal reicht es völlig aus, wenn wir 5 Minuten spielerisch boxen. Ich fordere den Patienten auf, abwechselnd mit seinen Händen in sein Kissen zu schlagen. Das kann schon anstrengend sein! Oder wir gehen zusammen ein Stück im Flur, wobei ich dem Patienten unter die Achseln greife und ihn so stütze. Wenn Interesse besteht, nehme ich ein Kind oder einen Jugendlichen mit in den Sportraum.

Redaktion: Kennen Sie von jedem Patienten seine Akte?
Wittke: Ich tausche mich mit dem medizinischen Fachpersonal über den Gesundheitszustand eines jeden Patienten aus. Außerdem kann ich mittlerweile auch ganz gut abschätzen, ob und wann der Patient mit Bewegungs- und Sporteinheiten gefordert oder überfordert ist.

Redaktion: Nun hat ein Patient den Wunsch geäußert, mit in den Sportraum zu kommen. Ist eigentlich immer nur ein Patient im Sportraum?
Wittke: Ein Patient mit geschwächter Immunabwehr ist auf jeden Fall mit mir alleine im Sportraum. Der Sportraum ist vom normalen Trainings- und Sportbereich abgegrenzt und nicht öffentlich zugänglich. Sie müssen klingeln, wenn Sie hierein wollen. Wenn hingegen die Nachsorge-Patienten da sind, können auch mehrere zeitgleich an den Geräten üben.

Redaktion: Gibt es Besonderheiten bei den Geräten, auch im Hinblick auf die geschwächte Immunabwehr der Patienten?
Wittke: Diese Geräte müssen einen hohen Hygiene-Standard erfüllen, eine sogenannte MPG-Zulassung haben. Das bedeutet, dass man sie leicht desinfizieren kann. Ebenfalls sind die Geräte computerunterstützt, d.h. ich kann Blutdruckmessungen vornehmen und individuelle Programme einstellen und ablaufen lassen. Das Letztere mache ich weniger bei den Einzelpatienten, sondern erarbeite mit dem Patienten zusammen, was an diesem Tag an Bewegung möglich ist.

Redaktion: Was ist das Besondere an den Geräten - jetzt in Bezug auf den trainierenden Patienten?
Wittke: An diesem Laufband hier kann ich den Patienten mit Hilfe eines Gurtsystems „einhängen“, d. h. durch den kontrollierten Zug nach oben das Körpergewicht reduzieren. Auf diese Weise nehme ich Last vom Patienten, im wahrsten Sinn des Wortes. Gehbewegungen, die der Patient sonst nicht ausüben kann, kann er nun durchführen und dadurch die positive Erfahrung machen: "Ich kann es wieder".

Redaktion: Hier sind noch weitere Geräte, wofür sind die speziell da?
Wittke: Es gibt ein Fahrradergometer speziell für Kinder (ab 120 cm) mit verstellbaren Fußpedalen, ein Fahrradergometer für Erwachsene und ein Liegefahrradergometer. Alle drei verfügen bei Bedarf über eine EKG-Überwachung sowie automatische Blutdruck-und Sauerstoffmessung. Das Liegefahrrad hat gegenüber den anderen beiden den Vorteil, dass es aufgrund der niedrigeren Sitzhöhe und der Rückenstütze sicherer auch für Ungeübte ist. Im Raum befindet sich ein Crosstrainer für eine gelenkschonende „Laufeinheit“ und eine Handdrehkurbel für ein Ausdauertraining, welches gleichzeitig den Rücken stärkt. Die Handdrehkurbel kann für Patienten im Rollstuhl nach unten versetzt werden. Dann gibt es noch eine WII-Konsole z.B. zur spielerischen Heranführung an das Thema Boxen, einen Punching-Ball für die Schulung der Auge-Hand-Koordination, einen Boxsack für Ausdauertraining und zur Stressbewältigung sowie einen Kabelzug für diverse Kräftigungsübungen.

Redaktion: Die Patienten können sich hier bewegen wie sie möchten?
Wittke: Jein! Auch hier im Sportraum sind die Wahl der Sportgeräte und die Trainingsdauer freiwillig - ich behalte mir aber die endgültige Entscheidung (aufgrund des Gesundheitszustandes) zu einer Übung vor. Wenn der Patient, sei es ein Kind oder Jugendlicher, hier Spaß und Freude an der Bewegung erlebt hat, wird er wieder kommen wollen. Das ist unser Ziel. Lieber nicht zu intensiv, dafür aber regelmäßig!

Redaktion: Beziehen Sie die Eltern mit ein?
Wittke: Ja, denn die Eltern können selber Sport machen. Ich nenne das: "Eltern in Bewegung halten." Die Eltern können zweimal pro Woche in den Räumlichkeiten des Instituts für Sportmedizin an den Ausdauergeräten trainieren oder das Nordic Walking-Angebot des Vereins für krebskranke Kinder Hannover wahrnehmen. Es tut den Eltern gut, sich zu bewegen und das kommt ihren Kindern ebenfalls zugute. Das Angebot für die Eltern ist übrigens an keine Indikation des Kindes gebunden. Ob dessen Krebserkrankung, Herzoperation oder transplantierte Lunge: Alle Eltern von Langzeitpatienten der Kinderklinik sollten durch den Sport die Möglichkeit erhalten, für kurze Zeit im Sport auf andere Gedanken zu kommen und möglichst fit zu bleiben. Die Eltern sollen zuhause das Training mit den Kindern/Jugendlichen fortsetzen. Ich gebe ihnen auch Übungen dazu mit. Aber das geht natürlich nur, wenn die Eltern selbst gesund sind.

Redaktion: Und wie sieht es aus mit dem Thema Nachsorge?
Wittke: Wenn die Patienten ihren Nachsorge-Termin haben, können sie gleich einen Sporttermin mit vereinbaren. Diese Patienten können hier an den Geräten üben und zusätzlich in den normalen Sportraum überwechseln und dort Kraft- und Ausdauertraining machen.

Redaktion: Gibt es eine Altersbeschränkung für die Benutzung dieses Sportraums?
Wittke: Dies ist der Sportraum für Kinder und Jugendliche mit onkologischen und hämatologischen Indikationen.

Redaktion: Gibt es Pläne für die Zukunft?
Wittke: Ja, wir wollen weitere Geräte anschaffen, z.B. für kleine Kinder ein Kletternetz, für größere eine Kletterwand. Es gibt immer noch weitere Ideen!
Redaktion: Das hört sich doch ausgesprochen gut an. Vielen Dank für das Gespräch!